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Neue Entwicklungen bei Rettungswegen

Seit den 1960er Jahren beschreiben die Landesbauordnungen das Grundprinzip der Rettung aus Nutzungseinheiten als „zwei voneinander unabhängige Rettungswege“ in jedem Geschoss.

Diese bestehen bei mehrgeschossigen Gebäuden aus zwei „notwendigen Treppen“ oder einer „notwendigen Treppe“ und einer durch die Feuerwehr anleiterbaren Stelle (z.B. Fenster). Die notwendigen Treppen müssen, bis auf wenige Ausnahmen in den unteren Gebäudeklassen, in „notwendigen Treppenräumen“ liegen.

Auf dieses Konzept wird lediglich verzichtet, wenn ein „Sicherheitstreppenraum“ vorhanden ist. In diesem Fall genügt „nur“ eine „notwendige Treppe“. Der Sicherheitstreppenraum muss so beschaffen sein, dass Feuer und Rauch, auch unter ungünstigen Bedingungen, nicht eindringen können. Um dies sicherzustellen, gibt das Bauordnungsrecht mehrere Möglichkeiten für dessen Konzeption vor. Eine davon besteht darin, vor dem Sicherheitstreppenraum eine Schleuse anzuordnen und den Sicherheitstreppenraum mit einer geregelten Sicherheits-Überdruckbelüftung auszustatten. Diese soll eine definierte und geplante Strömung gegen einen potentiellen Rauch aufrechterhalten.

Neuerdings wird dieses beschriebene Grundprinzip durchbrochen. Vorreiter ist Berlin. In der aktuellen „Ausführungsvorschriften über den Bau von Sicherheitstreppenräumen“ vom 19. Dezember 2016, die, gemeinsam mit einer überarbeiteten Bauordnung am 1. Januar 2017 in Kraft getreten ist, wird ein „Sicherheitstreppenraum light“ beschrieben. Dieser verzichtet in den Obergeschossen (ausgenommen sind gewerbliche Nutzungseinheiten) regelmäßig auf die Schleusen und generell auf die Sicherheits-Überdruckbelüftung. Stattdessen werden höherqualifizierte Anforderungen an die Zugangstüren gestellt. Außerdem müssen diese Sicherheitstreppenräume an der obersten Stelle des Treppenraums eine „Öffnung zur Rauchableitung mit einem freien Querschnitt von mindestens 1 m² und Vorrichtungen zum Öffnen dieses Abschlusses haben, die vom Erdgeschoss sowie vom obersten Treppenabsatz aus bedient werden können.

Wie der Bauordnung zu entnehmen ist, dienen diese „Öffnungen zur Rauchableitung“ (nicht zu verwechseln mit Rauch- und Wärmeabzugsanlagen, die bei Industriehallen zum Einsatz kommen) zur Unterstützung wirksamer Löscharbeiten. In der Praxis bedeutet sie, dass die Feuerwehr die Rauchabzusgsöffnungen öffnet, und mithilfe eines mobilen Überdruckbelüfters den Treppenraum mit Frischluft spült.

Diese Konzeption, die zum Beispiel bei innenliegenden „notwendigen Treppenräumen“ üblich ist, verlässt jedoch einen Grundsatz des bisherigen Sicherheitstreppenraumes, nämlich den der möglichen Selbstrettung. Nun mag das Argument zählen, dass beim System des zweiten Rettungswegs über Fenster, die zu rettende Person - bei Unbenutzbarkeit der notwendigen Treppe - ebenfalls auf die Feuerwehr mit ihren Rettungsgeräten warten muss. Unter Berücksichtigung aller Argumente dürfte sich das Sicherheitsniveau jedoch unter dem Strich verschlechtern. Ob dies gesellschaftlich vertretbar ist, dürften die Erfahrungen aus Berlin zeigen.

Eine, vor allem im Rahmen von Verbandsrichtlinien, oft propagierte scheinbare Verbesserung der Situation durch Schaffung qualifizierter, automatisch auslösender Rauchabzugsanlagen, ist trügerisch. Dringt zum Beispiel Rauch aus angrenzenden Räumen in den Treppenraum ein, kann sich durch die automatische Öffnung eine ungewollte Thermik im Treppenraum einstellen, die erst recht Rauch in den Treppenraum zieht. Deshalb werden diese automatisch auslösenden Geräte in den Bauordnungen der Länder in der Regel nicht gefordert.

 

Ein Beitrag von

Dipl.-Ing. Lutz Battran

- Brandschutzingenieur

- Mitherausgeber des „Brandschutzatlas“

- Vorsitzender des bayerischen Prüfungsausschusses für den „Prüfsachverständigen für Brandschutz“

- Referent an der Bayerischen Verwaltungsschule

- Seit 1986 bei der Versicherungskammer Bayern als Risk-Engineer

 

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