Design Security Forum AG

Brandschutz in Pflege- und Seniorenwohneinrichtungen - „Es gibt überall noch viel zu tun…“

Interview mit Prof. Dr.-Ing. Gerd Geburtig

 


Ein defektes Kabel verursacht einen Schwelbrand oder das vergessene Essen auf dem Herd fängt Feuer - ein entstehender Brand kann sich schnell auf umliegende Möbel ausbreiten. Passiert dies in einem Pflege- und Seniorenwohnheim, ist davon auszugehen, dass ein schnelles Eingreifen nötig ist, da sich die betroffenen Personen nur langsam oder gar nicht selbst retten können. Zur Problematik des Brandschutzes in Pflege- und Seniorenwohneinrichtungen sprach design security forum mit Prof. Dr.-Ing. Gerd Geburtig.

Herr Prof. Dr.-Ing. Gerd Geburtig, laut einer Statistik des Bundesverbands technischer Brandschutz (bvfa) brennt es in Pflege- und Seniorenheimen deutschlandweit eigentlich wöchentlich zweimal. Im vergangen Jahr wurden über 100 Brandfälle erfasst, bei denen 5 Personen starben, über 150 Personen wurden verletzt. Diese Zahlen sind im Vergleich zu anderen Gebäudenutzungsformen recht hoch. Haben wir es hier mit einem systematischen Problem in diesen Einrichtungen zu tun?

Geburtig: Sicherlich spielt bei der Pflege das Thema der Demenz eine zentrale Rolle, sodass es unteranderem durch eine zunehmende Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit im Alltag eher einmal zu einem Brand kommen kann. Von einem systematischen Problem möchte ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen, jedoch zeigt die Statistik auf, welche verantwortungsvolle Rolle einem angemessenen Brandschutz in Pflege-und Seniorenheimen zukommt.

 

In letzter Zeit haben viele entsprechende Einrichtungen neu eröffnet. Weisen ältere Pflege- und Seniorenwohneinrichtungen in der Regel größere Brandschutzmängel auf als neue Einrichtungen?

Geburtig: Dahingehend ist durchaus von einem „systematischen Problem“ zu sprechen. Meine Erfahrungen mit bestehenden Einrichtungen zeigen, dass es durchaus im Einzelfall einen erheblichen Nachrüstungsbedarf gibt. Das betrifft vor allem zum einen den anlagentechnischen Brandschutz – hier ist die unbedingt zu empfehlende Installation einer vollflächigen Brandmeldeanlage zu nennen – zum anderen aber auch die notwendigen organisatorischen Brandschutzmaßnahmen, wie ein schlüssiges Räumungskonzept im Brandfall und die Zuordnung eindeutiger Verantwortlichkeiten, die regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen sind. Insbesondere bei einer Pflegeinrichtung kommt es auf die Wechselwirkung zwischen allen Brandschutzmaßnahmen an.

 

Könnte gerade die Zahl der Verletzen und Toten nicht durch den generellen Einsatz von Sprinkleranlagen oder anderer technischer Vorrichtungen reduziert oder gar auf null gebracht werden?

Geburtig: Sprinkleranlagen halte ich nur für den Einzelfall, beispielsweise bei übergroßen Brandabschnitten oder Nutzungsbereichen für notwendig. Im Gegensatz zu bisher gewohnten Sprinkleranlagen sind dafür mittlerweile jedoch eher Wassernebellöschanlagen als sinnvoll zu erachten. Bei allem guten Willen für einen möglichst vollkommenen Brandschutz: Eine Reduzierung „auf null“ ist gesellschaftlich nicht akzeptabel und auch nicht zu leisten.

 

"Eine wohnungsähnliche Umgebung und ein angemessener Brandschutz schließen sich dabei nicht aus"

 

 Gibt es hier eine Art Kosten/Leben-Rechnung?

Eine Rechnung Kosten/Leben kann es natürlich nicht geben, aber eine Ermittlung einer „gesellschaftlichen Zahlungsbereitschaft“, die man zum Beispiel in der Schweiz vor einigen Jahren unter Hinzuziehen führender Versicherungsunternehmen im Hinblick auf einzelne Brandschutzmaßnahmen wissenschaftlich vorgenommen hat. Gut gemeinte, aber zu hohe Brandschutzanforderungen führen zwangsläufig zu einer Minderung der gesellschaftlichen Akzeptanz. Deswegen muss das Ziel die Suche nach den der jeweiligen Aufgabe entsprechenden angemessenen Brandschutzmaßnahmen sein.

 

Menschen mit Demenzerkrankungen hilft es oft, wenn sie sich an gewohnten Raumaufteilungen und Tagesabläufen orientieren können. Senioren- und Pflegewohnheime zielen daher nicht mehr nur auf Funktionalität, sondern immer mehr auf Wohnlichkeit und Normalität der Lebenssituation. Hat dies Auswirkungen auf die Führung von Flucht- und Rettungswegen und die Verteilung von Brandlasten?

Geburtig: Auch in diesem Punkt kommt es auf die richtige Planung an. Bei den Pflegeeinrichtungen ist von etwa mit einer Wohnung vergleichbaren Brandlasten auszugehen. Eine wohnungsähnliche Umgebung und ein angemessener Brandschutz schließen sich dabei nicht aus. Bei einer geschickten Anordnung der Rettungswege und der Bildung entsprechender gruppenähnlicher Nutzungsbereiche ist beides möglich. Zudem gibt es heutzutage wirkungsvolle technische Maßnahmen, das Brandentstehungsrisiko erheblich zu reduzieren, damit es gar nicht erst zu einem „worst case“ kommt.

 

 "Ein selbstkritischer Blick hilft übrigens dabei, den richtigen Weg zu finden" 

 

Wir leben in einer immer älter werdenden Gesellschaft, in der man davon ausgehen kann, dass immer mehr Menschen das Angebot von Pflege- und Seniorenwohneinrichtungen beanspruchen und somit auch die Größe und Bewohnerzahlen solcher Einrichtung zunehmen werden. Wird dies Auswirkungen auf Brandschutzkonzepte und Präventionsmaßnahmen haben?

Geburtig: Natürlich gibt es ganz erhebliche Auswirkungen, denen wir uns als Planer stellen müssen. Vor allem die Betreuung in der eigenen Wohnung wird aus Kostengründen zunehmen müssen, sodass die Pflegeeinrichtung quasi immer häufiger in die Wohnung dringt. Umgekehrt soll das Pflegeheim möglichst zur Wohnung werden. Einen ersten Schritt dazu geht die Muster-Wohnformen-Richtlinie, die wertvolle Hinweise zur richtigen Brandschutzplanung gibt. Viele Planer sind mittlerweile auch dahingehend motiviert.

 

Sind die Planer hier auch ausreichend sensibilisiert?

Wie in anderen Bereichen auch, gibt es dabei noch erhebliche Unterschiede: Da sind auf der einen Seite durchaus Planer zu nennen, die alles absichern wollen, was nicht gelingen kann und auf der anderen Seite meinen manche, es wird mit dem Brandschutz alles etwas übertrieben. Ein selbstkritischer Blick hilft übrigens dabei, den richtigen Weg zu finden. Als junger Architekt ohne Gleitsichtbrille habe ich auch einiges anders gesehen, als jetzt davon Betroffener.

 

Gibt es Bundesländer die man im Hinblick auf Regelwerke als vorbildlich bezeichnen könnte oder in denen noch viel aufgeholt werden muss?

Geburtig: Ja, in dieser Hinsicht kann man die Bundesländer Hessen und Mecklenburg-Vorpommern mit ihren jeweiligen Handlungsempfehlungen benennen. Die ARGEBAU ist wegen der bereits von mir benannten Muster-Wohnformen-Richtlinie „am Thema“ dran. Negative Beispiele möchte ich an dieser Stelle nicht aufführen, denn es gibt überall noch viel zu tun …

 

 

 

Prof. Dr.-Ing. Gerd Geburtig ist Inhaber der Planungsgruppe Geburtig, Prüfingenieur für vorbeugenden Brandschutz (VPI) und Honorarprofessor für das Fachgebiet “Brandschutz” an der Bauhaus-Universität Weimar, zudem ist er Dozent bei design security forum AG und EIPOS Dresden.

 

 

 

 

 

 

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