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Zügiges Handeln statt Verkürzung der Kontrollen – Interview mit Klaus Tönnes zur Sicherheit der Hochhäuser in Deutschland


 

Seit dem Brand im Grenfell-Tower steht auch in Deutschland der Brandschutz von Hochhäusern wieder im Fokus der Öffentlichkeit. So wurde unter anderem zwei Wochen nach dem verheerenden Brand in London ein Hochhaus in Wuppertal als Vorsichtsmaßnahme evakuiert, um die Fassadendämmung zu entfernen. Wir sprachen mit Klaus Tönnes, Brandoberamtsrat a.D., über die Sicherheit von Hochhäusern in Deutschland.

 

Herr Tönnes, sind durch den Vorfall in London die Risikopotentiale für Hochhäuser in Deutschland neu bewertet worden?

Hier muss differenziert werden zwischen Neubauten und Bestand. Durch die Musterhochhausrichtlinie 2012 (MHHR) sind Risikopotentiale wie Fassadengestaltung, horizontale und vertikale Rettungswege, Brandausbreitung für die Sicherheit der Nutzer gut und ausreichend geregelt. Dies gilt aber nur in den Bundesländern, die sich für die Einführung der MHHR entschlossen haben oder diese in veränderter Form benutzten. Es wurden die Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte berücksichtigt und europäisch betrachtet ist die MHHR innerhalb der EU das strengste Regelwerk. Die Vorgängerversionen beinhalteten, nach dem damaligen Wissens- und Erkenntnisstand, aber auch Regelungen, die im Bereich der Fassade an Außenwänden ohne Öffnungen bis zu einer Höhe von 60 Metern schwerentflammbare Baustoffe ermöglichten.
Durch den Föderalismus in Deutschland und der Tatsache, das Baurecht bis zum heutigen Tag Ländersache ist, existierten in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Regelwerke, auch schon für Hochhäuser ab 1958.

 

Welche Auswirkungen hatte das Ereignis in London auf Deutschland?

Durch den Brand in London steht derzeit die Hochhaussicherheit im Focus der Öffentlichkeit. Dabei wird deutlich, dass die Art der verwendeten Baustoffe bezüglich der Brandausbreitung und Brandweiterleitung eine wesentliche Rolle spielt. Das Ereignis zeigt uns, dass für die Sicherheit der Menschen grundsätzlich das Risiko für ein Gebäude ganzheitlich betrachtet werden muss. Hierzu gehört nicht nur die Fassade, sondern auch der Außenbereich sowie das Innenleben eines Hochhauses. Hochhäuser im Bestand führen ein Eigenleben, es gibt ständige Veränderungen, dies ist in unserer schnelllebigen Zeit auch vollkommen normal. Das Wichtigste dabei ist, dass man bei allem was man tut, das Brandschutzkonzept, die Sicherheitsbibel des Gebäudes, nicht aus den Augen verliert.

 

"Die Eigentümer oder Betreiber müssen hier unterstützen. Eigentum verpflichtet!"

 

Wie steht es um die Überprüfung der Hochhäuser?

Innerhalb der BRD werden die Überprüfungen der bestehenden Hochhäuser in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich bewältigt. Nach Recherche von Frontal21 (ZDF) wurden 40 Städte hierzu befragt. 23 Städte haben Sonderprüfungen durchgeführt, 17 Städte verschickten ein Schreiben an die Eigentümer. Die Eigentümer oder Betreiber müssen hier unterstützen. Eigentum verpflichtet! Die Rahmenbedingungen der Bauordnung müssen stimmen und gravierende neue Erkenntnisse dürfen nicht ignoriert werden, sondern müssen eigenständig im Rahmen ihrer Garantenpflicht gegenüber den Nutzern wahrgenommen werden. Dies kann nicht allein Aufgabe der Behörden sein.

 

Gerade im Zusammenhang mit der Evakuierung in Wuppertal, stand auch eine Verkürzung der Überprüfungsfrist der Brandschutzvorgaben im Raum. Ist dies eine sinnvolle Maßnahme?

Sonderbauten in Deutschland unterliegen nach Länderrecht regelmäßen Kontrollen, seitens der Bauaufsicht durch die Sonderbaukontrollen, seitens der Feuerwehren durch Gefahrenverhütungs-, Brandverhütungs- und Feuerbeschauen. Dafür ist in der Regel ein 5-Jahresrhythmus vorgesehen - und dies ist schon für die zuständigen Gemeinden eine Herausforderung. Damit sind nämlich nicht nur Hochhäuser gemeint, sondern alle Sonderbauten. Beispielhaft beträgt die Zahl der zu überprüfenden Hochhäuser allein in Frankfurt am Main derzeit 540 - Tendenz steigend.

 

Werden sich diese Überprüfungen verändern?

Derzeit werden die Zugänglichkeit zu Objekt, Einrichtungen der Löschwasserversorgung, Rettungs- und Angriffswege, Brandbekämpfungs- und Rauchabschnitte, Technische Brandschutzeinrichtungen, Kommunikation und die betrieblichen Brandschutzmaßnahmen überprüft. Im Rahmen der Zugänglichkeitsprüfungen wird sich der Blick zukünftig verstärkt auch auf die Außenraumgestaltung richten, also auf Lagerplätze für Mülltonnen oder Parkplätze in Nähe der Fassaden.

 

Welche Auswirkungen hätte eine Verkürzung der Überprüfungszeiten?

Eine Verkürzung der Überprüfungen würde eine enorme Steigerung des Personalbedarfs bedeuten, der schlichtweg von den Städten und Gemeinden allein nicht bewältigt werden kann.
Die Verkürzungen von Kontrollen und die Suche nach Schuldigen ist keine sinnvolle Maßnahme, sondern es bedarf eines gemeinsamen, zügigen Handels mit gesundem Menschenverstand und aktuellem Fachwissen ohne immer eine Regelung der Regelung zu benötigen oder alleine immer nur die Gerichte entscheiden zu lassen. Für den Bestand gelten keine Verallgemeinerungen sondern stets gezielte Einzelfalllösungen!

 

"Wir brauchen eine einheitliche Bauordnung, die in allen Bundesländern gültig ist – sonst verwalten wir uns kaputt."

 

Welche Maßnahmen wären sonst noch denkbar?

Sinnvolle Maßnahmen sind meiner Einschätzung nach - besonders für die Dämmstoffe - eine klare Position pro Europa zu beziehen. Es kann und darf nicht sein, dass es seit 2001 unterschiedliche Klassifizierungssysteme für bestimmte Baustoffe aus Deutschland gibt, die damit eine bauaufsichtliche Zulassung besitzen, aber nach der europäischen Klassifizierung nicht zugelassen sind. Dies gilt auch für die Positionierung zur Bauordnung. Wir brauchen eine einheitliche Bauordnung, die in allen Bundesländern gültig ist – sonst verwalten wir uns kaputt.

 

Bis zum Jahr 1984 wurde in Deutschland nicht darauf geachtet, ob die Außenwände von neu gebauten Hochhäusern mit brennbaren Stoffen gedämmt wurden. Können mögliche Probleme also nur bei älteren Häusern auftreten?

Dies kann man so nicht pauschal sagen. Baurecht ist Ländersache. Es ist sehr schwierig nachzuvollziehen welches Regelwerk in welchem Bundesland in der Vergangenheit gültig war. Kurze Erfahrung aus jüngsten Recherchen in Niedersachsen haben ergeben, dass es innerhalb eines Bundeslandes in den 70iger Jahren drei Bauordnungen gab, die den damaligen Regierungspräsidien zugeordnet waren. Es gab aber schon Regelwerke die die Verwendung von brennbaren Baustoffen in definierten Bereichen untersagten wie die Richtlinien aus Hessen „Verwendung brennbarer Baustoffe im Hochbau“ aus den Jahren 1964 und 1971. Eine grundsätzliche Klausel kann man auch schon in früheren Regelwerken immer wieder finden: „gegen die Ausbreitung von Feuer müssen geeignete vorbeugende Maßnahmen getroffen werden“. Schon im sogenannten „Führererlass“ § 29 vom 15.11.1940 wird ausgesagt, dass „unbeschadet der für einzelne Gebäudearten bestehenden Sonderregelung (...) die Bauaufsichtsbehörde für Gebäude von größerer Ausdehnung oder mit erhöhter Feuersgefahr weitergehende Anforderungen stellen" kann. Probleme können zwar an älteren Gebäuden auftreten, ein Pauschalurteil kann jedoch nicht abgegeben werden, da jedes Gebäude ein Unikat ist.

 

Gibt es Städte in denen diese brennbaren Fassaden bereits gänzlich oder größtenteils bei Sanierungen getauscht wurden?

Fassade ist nicht gleich Fassade. Es wurde Fassaden mit brennbaren Bestandteilen verbaut, dieses sind aber rundherum mit nichtbrennbaren Baustoffen gekapselt. Wie es in der Sendung des ZDF am 23. Januar 2018 veröffentlicht wurde, gibt es einen Einzelfall, bei dem an der Fassade Holzwolle-Platten als Dämmstoff verwendet wurden. Wie sich diese im Brandfall verhält ist unklar. Da für dieses Hochhaus ohnehin eine Sanierung der Fassade geplant war und diese nach den aktuellen Regelwerken mit nichtbrennbaren Baustoffen durchgeführt wird hat sich die Problematik Fassade für dieses Hochhaus erledigt. Alleine durch die gemeinsame Prüfung der Bauakten von Bauaufsicht und Brandschutzdienststelle konnten die Risiken schon erheblich minimiert werden. Ein Großteil der Frage kommenden Bauwerke, die in der Regel aus den 60er bis 80er Jahren stammen, wurden bereits mit nichtbrennbaren Baustoffen saniert oder sind mittlerweile abgerissen. Bei den bekannten Fällen Wuppertal und Dortmund wurden die Gebäude mit „Gefahr für Leib und Leben“ beurteilt und dementsprechend gehandelt. Dabei wurden die Gebäude ganzheitlich betrachtet, die vorhandenen Fassaden waren dabei ein Teilaspekt.

 

Sind die Fassaden nun überall überprüft?

Nur in einzelnen Städten wurden Fassadenprüfungen veranlasst. Dies bedeutet aber nicht, dass alle Hochhäuser gleichzeitig überprüft werden können, sondern auf Grund der Informationen aus der Aktenlage in Prioritäten eingeordnet werden. Deshalb ist hier die Mitwirkung der Eigentümer sehr hilfreich.

 

Was können Eigentümer noch tun?

Folgende Maßnahmen können ungeachtet einer Prüfung bei Verdacht sofort eigenständig, wie in der Empfehlung der AGBF beschrieben, durchgeführt werden: Bewegliche Brandlasten wie Müllcontainer, Sperrmüll und Fahrzeuge sollten entweder ausreichenden Abstand zur Fassade haben oder nichtbrennbar eingehaust werden. Ist das nicht möglich, empfiehlt sich eine Ertüchtigung der Fassade im Erdgeschossbereich mit nichtbrennbaren Dämmmaterialien sowie eine zeitnahe Ausbesserung von beschädigten Systemen.

 

Kann man erwarten, dass in der Bundesrepublik Deutschland eine solche Katastrophe, wie in London, nicht entstehen dürfte?

Ja, dies kann man erwarten, da die Verwendung leicht brennbarer Materialen schon immer verboten war. Es gibt ein klar strukturiertes Abschottungsprinzip mit Rettungswegen, auch in Hochhäusern ohne viel Brandschutztechnik. Wenn die grundlegenden Dinge bautechnisch ordentlich ausgeführt sind, dann können in Verbindung mit einer schnellen und schlagkräftigen Feuerwehr solche Katastrophen in der Bundesrepublik auch weiterhin verhindert werden.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Klaus Tönnes ist Brandoberamtsrat a.D. und anerkannter Sachverständiger der Feuerwehr f. vorbeugender Brandschutz – HLFS, von 1974-2015 war er Brandoberamtsrat für vorbeugenden Brandschutz der Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main, von 2007-2015 begleitete er im Landesfeuerwehrverband Hessen als Vorsitzender den Fachausschuss vorbeugender Brandschutz, ebenfalls von 2007-2015 war er AKH Mitglied im Prüfungsausschuss für Prüfsachverständige Brandschutz. Seit 2015 ist Tönnes freiberuflich tätig.

 

 

 

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Brandschutz in Hochhäusern & Gebäuden der GK5